2015 WELCOME TO PARADISE

Der Pass ist das edelste Teil von einem Menschen.
Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch.
Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne
gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt,
wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und
doch nicht anerkannt wird [...]
Die beste Schule für Dialektik ist die Emigration. Die schärfsten Dialektiker
sind die Flüchtlinge.  
(Bertolt Brecht, geschrieben zwischen 1940 und 1942, Finnland und USA)


WELCOME TO PARADISE
Ein Theaterprojekt auf Grundlage von Gesprächen mit Flüchtlingen und Asylbeamten

Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht. Sie fliehen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, aus Afrika, aus der Ukraine, aber auch aus dem Kosovo. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt, Armut, Perspektivlosigkeit. In einer Welt, in der sich der Fluss von Waren, Geld und Informationen globalisiert, die Immigration von Menschen aber als bedrohlich empfunden wird, sind Konflikte vorprogrammiert. Zumal auf einem reichen Kontinent, der einerseits seine Grenzen dicht machen, andererseits "Humanismus" auf seine Fahnen schreiben will.

Diese globale Entwicklung bildet den Hintergrund für sehr konkrete Fragen vor Ort: Wer kommt und wer darf bleiben? Wie gehen Länder und Kommunen „in unserem Namen“ mit flüchtigen Menschen um? Wie werden sie aufgenommen oder abgelehnt, wie versorgt? Wie wird ihre Hilfsbedürftigkeit von Behörden verwaltet – und vielleicht in neue Hilfsbedürftigkeit transformiert?


Die Uraufführung „Welcome to Paradise“ möchte zeigen, wie flüchtige Menschen in Bayern leben, in selbstgewählten oder zugewiesenen Räumen, und Fragen stellen: nach ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Wünschen und ihrer Realität. Wer sind die Menschen, die zu ‚uns‘ kommen, und wie ergeht es ihnen zwischen Warten, Hoffen und Nicht-Ankommen? Angesichts von Sprachbarrieren, Hilfen und Hürden der Behörden und einer sogenannten Willkommenskultur?
Und wer sind, auf der anderen Seite, jene, die an Schreibtischen die Asylgesetze ausführen und dabei über Bleibeberechtigungen entscheiden? Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, in den Ministerien, in der Bezirksregierung oder den Ausländerbehörden. Welche Perspektiven eröffnen sich im Gespräch mit Asylbeamten, Sachbearbeitern, Regierungsmitarbeitern, die sich als Exekutive einer formalisierten Asylpraxis mit dem Schicksal der Flüchtlinge beschäftigen?

Was passiert, wenn man diese verschiedenen Perspektiven in einem Theaterprojekt zusammenführt und einander gegenüberstellt?



Das Theaterprojekt entsteht auf Basis von Interviews und Gesprächen mit flüchtigen Menschen, Asylbeamten und Münchner Bürgern. Es findet in der Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Matthäus statt, am Sendlinger-Tor-Platz gelegen, dem Verkehrsknotenpunkt und Transitort, an dem Hungerstreik, BAGIDA-Demonstrationen und Gegendemonstrationen stattgefunden haben. Ein Ort in der Mitte Münchens, an dem die verschiedenen Stimmen nun in diesem Theaterprojekt in Dialog treten. Willkommen, Bienvenue, Welcome!



In Koproduktion mit dem Münchner Volkstheater.

Mit: Sebastian Mirow, Justin Mühlenhardt, Pascal Riedel, Lenja Schultze und Constanze Wächter 

Konzept, Text und Regie: Karen Breece
Raum: Eva Veronica Born
Kostüme: Teresa Vergho
Soundcollage: Karen Breece, Moritz Pompl
Dramaturgie (Produktion): Stefan Bläske
Dramaturgie (Münchner Volkstheater): David Heiligers
Licht: Jürgen Kolb
Fotos: Gabriela Neeb

Uraufführung: Samstag, 20. Juni 2015, 20.30 Uhr im Gemeindesaal der Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Matthäus


Weitere Aufführungen: 23., 27., 30. Juni, sowie 1. Juli 2015,

Beginn: 20.30 Uhr

Eintritt: 15 EUR, ermäßigt 8,50 EUR

Vorverkauf ab sofort über das Münchner Volkstheater und alle

Vorverkaufsstellen von MünchenTicket




Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, des Bezirks Oberbayern und des Bezirksausschuss 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt.

In Kooperation mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Matthäus, der Evangelischen Stadtakademie München, Amnesty International, AK Asyl im Bezirk München und dem Münchner Flüchtlingsrat


PRESSESPIEGEL

Süddeutsche: "Wartesaal der Angst"
von Egbert Tholl vom 19.06.2015
http://www.sueddeutsche.de/kultur/theater-wartesaal-der-angst-1.2528960

11.7.2015 Radiobeitrag "Zum Sonntag" mit einer Einleitung zu "Welcome to Paradise": "Ehrlicher müsste Europa mit sich selbst sein" von Jutta Höcht-Stöhr, Evangelische Stadtakademie 
Vergangene Woche wurde in der Münchner Matthäuskirche ein Theaterstück des Münchner Volkstheaters und der Regisseurin Kareen Breece aufgeführt, das den Titel „Welcome to Paradise“ hatte. Stimmen von Flüchtlingen und Stimmen von Mitarbeitern deutscher Asylbehörden wurden in diesem Stück hörbar. Und immer wieder summten die Schauspieler kurze Sequenzen eines Liedes, das zuerst nicht erkennbar war. Erst am Ende sangen sie eine volle Strophe daraus. Es war das Adventslied „Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord“. Das Lied spricht vom Ankommen Gottes auf Erden mit Worten wie „Das Segel ist die Liebe, der Heil’ge Geist des Mast“. Dieses Lied in diesem Theaterstück verändert das Lied und die Schiffe, die derzeit vollgeladen mit Menschen übers Mittelmeer kommen, gleichermaßen. Man wird sie danach nicht mehr voneinander getrennt sehen können.

Derzeit überlegt Europa, wie es das Aufbrechen der vielen Flüchtenden aus Nordafrika verhindern kann. Man versucht es mit der Unterscheidung zwischen Asylsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen. Ja, es ist richtig, dass sehr viele, die mit den vollgeladenen Schiffen kommen, kommen, weil sie in Europa die Hoffnung auf ein besseres Leben suchen, das sie in ihren Ländern nicht mehr zu finden hoffen.

Vor 100 Jahren waren es Europäer, die in unglaublichen Größenordnungen unseren Kontinent verließen, um in der Neuen Welt eine Chance auf Leben, eine „andere Heimat“ zu suchen. 44 Millionen Europäer brachen in einem Jahrhundert, zwischen 1821 und 1915, aus Europa auf. Auch sie waren vor allem Menschen, die vor Armut flohen. Am Sockel der Freiheitsstatue von New York steht der Text:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

Natürlich kann es kein Politikziel Europas sein, die fähigsten jungen Leuten aus den Ländern Afrikas abzuziehen. Denn sie sind es ja, die sich auf den Weg übers Meer machen, meist mit finanzieller Unterstützung ihrer ganzen Familie und mit dem Auftrag, die Familie zuhause zu unterstützen. Aber Europa müsste ehrlich mit sich sein. Dass sich so viele auf den Weg machen, hat auch mit europäischer Politik zu tun.

Ein Teil davon ist historisch: die europäische Kolonlageschichte ist noch nicht vorbei, sie hat ihre Auswirkungen bis heute. Ein anderer Teil aber ist hochaktuelle Gegenwart. Im Zuge der Liberalisierung des Welthandels sind Anfang des Jahres die Economic Partnership Agreements mit afrikanischen Ländern wirksam geworden, eine Art Freihandelsabkommen zwischen der EU und einzelnen afrikanischen Regionen. Sie nennen sich „Wirtschaftliche Partnerschaftsabkommen“, aber in Wirklichkeit sind sie Diktate der europäischen Wirtschaftsmacht. Diese Abkommen setzen fest, dass die afrikanischen Länder in den nächsten Jahren 83 % der europäischen Importe zollfrei ins Land lassen müssen, wenn sie weiter einen zollfreien Zugang zu den europäischen Märkten wollen. Gerade die aufsteigenden Länder mit mittlerem Einkommen fürchten, dass sie der Konkurrenz, die da ins Land drängt, nicht gewachsen sind. Ein Beispiel ist die subventionierte europäische Agrarwirtschaft: so billig wie die Geflügelfarmen in Europa kann kein afrikanischer Bauer produzieren.

Kenia wollte dem Abkommen nicht beitreten, aus Sorge um seine aufkeimende Wirtschaft. Es wurde mit Strafzöllen der EU belegt, bis es klein beigab. Partnerschaft sieht anders aus. Selbst der Afrikabeauftragte des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Günter Nooke, sagte zu den Abkommen: Man sollte nicht mit den Wirtschaftsverhandlungen auf der einen Seite kaputtmachen, was man auf der anderen Seite als Entwicklungsministerium aufzubauen versucht.“

Europa muss ehrlicher mit sich selbst werden. Wir beseitigen nicht nur keine Fluchtursachen, wir wirken daran mit, neue zu schaffen. Unsere voll geladenen Handelsschiffe kommen auf dem Rückweg symbolisch gesprochen bis an den höchsten Bord geladen mit Menschen, denen die Grundlage eines gelingenden Lebens entzogen ist. Am Ende aber sitzen wir alle in einem Boot.
Jutta Höcht-Stöhr