28.07.2015

KAREN BREECE schreibt und inszeniert Stücke, die sie auf der Basis intensiver Recherchearbeit und persönlicher Gespräche entwickelt. Neben diversen Projekten, die sich mit der Auseinandersetzung und Aufarbeitung der deutschen Geschichte, insbesondere dem Nationalsozialismus, beschäftigen, liegt ein zweiter thematischer Fokus der US-Amerikanerin auf der politischen Gegenwart und Projekten, die sich auf Diskurse und Fragestellungen der Interkulturalität und Identität, vor allem vor dem Hintergrund eines im Wandel befindlichen Europa konzentrieren. 

Das „Dokumentar“-Theater von Karen Breece entsteht auf der Grundlage von Interviews mit (Zeit-)Zeugen und - je nach thematischer Verortung - direkt Betroffenen, die sie transkribiert und dann mehrfach überschreibt, indem sie die Aussagen durch literarische, politische oder philosophische Verweise und Assoziationen neu kontextualisiert. Durch ihren Ansatz, das Publikum mittels partizipativer Strukturen einzubinden und „site-specific“ zu arbeiten, also bewusst an konnotierten Orten des Öffentlichen Raums zu arbeiten, schafft Breece Reflexionsräume, die den Grenzbereich zwischen Kunst und Leben unscharf erscheinen lassen. Auf diese Weise werden Prinzipien des Dokumentarischen und das Genre des Dokumentar-Theaters in ihren Grundfesten reflektiert. 

2019 SHOUT OUT LOUD (UA November 2019) wagt eine Reflexion über das Laut-Sein und Stumm-Werden, über das Hören und Nicht-Hören in einer Gesellschaft, in der Kommunikation alles ist und immer noch am meisten über Lautsprache funktioniert. Gemeinsam mit einem internationalen Ensemble von gehörlosen Menschen und in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen erarbeitet Karen Breece eine immersive Theaterinstallation, die nach Möglichkeiten einer neuen Verständigung sucht: zu hören ohne Lautsprache; zu verstehen, ohne zu Hören. Die Folie, vor deren Hintergrund diesen Fragen nachgespürt wird, ist ein Ort, der in besonderem Maße für das Laut-Sein steht – der BLITZ Club auf der Museumsinsel. Dort kann Sound auch körperlich erfahrbar gemacht werden, ein immersiver Raum entstehen, innerhalb dessen sich Hörende und Gehörlose auf gleicher Ebene begegnen. Können anstelle des gesprochenen Wortes Bilder, Zustände und Anordnungen - anstelle von Schall Vibrationen, Rhythmen und Berührungen stehen?

2019 Für MÜTTER UND SÖHNE (UA September 2019) hat Karen Breece über mehrere Monate hinweg für das Berliner Ensemble zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland recherchiert. Der Abend geht der Frage nach, warum sich junge Menschen radikalisieren? Wer sind diese jungen Menschen und was wollen sie? Wird ihre Radikalisierung durch bestimmte familiäre Konstellationen begünstigt? Welche Rolle spielen die Mütter dabei, und welche die Väter? Wie gehen Mütter mit der Radikalisierung ihrer Kinder um? Aus dem Mikrokosmos – der Perspektive radikalisierter Söhne und dem der Familien, in denen diese Söhne einmal Kinder waren – wirft die Regisseurin den Blick auf den Makrokosmos, die Gesellschaft und stellt damit neben der Frage der Verantwortung von Politik und Gesellschaft auch die Frage nach der Verantwortung jedes einzelnen von uns. 

2018 Für ihre Arbeit AUF DER STRASSE (UA September 2018) hat Karen Breece für das Berliner Ensemble über mehrere Monate hinweg in Berlin zum Thema der Wohnungs- und Obdachlosigkeit und den Umständen, die Menschen in die Armut treiben, recherchiert. Aus den zahlreichen Begegnungen mit von dem Thema in unterschiedlicher Weise betroffenen Menschen ist schließlich ein doku-fiktionaler Theaterabend entstanden, der zentral von Psy Chris, René Wallner und Alexandra Zipperer erzählt. 

2018 In dem Theaterprojekt ORADOUR (UA Februar 2018) begibt sich die Regisseurin Karen Breece auf die Suche nach den Konsequenzen des Massakers für die Opfer, die Tatbeteiligten und ihre Nachfahren. Gleichzeitig reflektiert ORADOUR unseren heutigen Umgang mit der deutschen NS-Geschichte: Gibt es gegenwärtig einen Überdruss an der Aufarbeitung des Vergangenen? Wie können sich die Generationen der Gegenwart überhaupt von Verbrechen ihrer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern betroffen fühlen? Sollte nicht langsam Gras darüber wachsen? In ihrer Arbeit, die in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen und in Zusammenarbeit mit den SchauspielerInnen Katja Bürkle und Benny Claessens entstanden ist, beschäftigte sich Karen Breece vor dem Hintergrund des SS-Massakers von Oradour mit den Schwierigkeiten des Erinnerns und der Unmöglichkeit des Vergessens. Zwischen der Absurdität der Realität und der Unzulänglichkeit ihrer Repräsentation. Zwischen einer unmöglichen Vergangenheit und einer unmöglichen Gegenwart. 

2017 Keiner will sterben. Weder jung, noch alt. Wenn etwas im Leben gewiss ist, dann der Tod. Man sollte nicht vergessen, sich auch auf dieses letzte Ende vorzubereiten, denn ohne den Tod hätte das Leben kaum einen Sinn. In DON'T FORGET TO DIE (UA Januar 2017), einem Theaterprojekt über das Sterben, setzten sich fünf Menschen im Alter von 74 bis 94 Jahren auf der Bühne mit ihrem eigenen Tod auseinander. Aber kann man den eigenen Tod proben, so wie man die eigene Beerdigung plant. Die Regisseurin Karen Breece hat über ein Jahr hinweg Gespräche mit alten Menschen über das Sterben geführt und daraus einen Text entwickelt, der sich im Grenzbereich von Erinnerung und Hoffnung, Realität und Fiktion bewegt. Gemeinsam mit den Akteuren inszeniert sie einen Abend, der gleichermaßen tragische wie komische Perspektiven des Sterbens erfahrbar macht. Die Inszenierung, die im HochX uraufgeführt wurde, war auch als Gastspiel an den Münchner Kammerspielen zu sehen und zum Festival Internationale Neue Dramatik FIND 2018 der Schaubühne am Lehniner Platz nach Berlin eingeladen. 

2015 inszenierte Karen Breece WELCOME TO PARADISE (UA Juni 2015), ein Theaterprojekt zur aktuellen Asylpolitik auf Grundlage von Gesprächen mit Geflüchteten und Asylbeamt*innen. Das Projekt entstand in Koproduktion mit dem Münchner Volkstheater und wurde in der St. Matthäus-Kirche uraufgeführt, gelegen am Sendlinger-Tor-Platz, dem Verkehrsknotenpunkt und Transitort, an dem Hunger-Streik, BAGIDA-Demonstrationen und Gegendemonstrationen ("München ist bunt") stattgefunden hatten. 

2014 eroberte Karen Breece mit der ehemaligen SS-Garnison, heute Gelände der Bereitschaftspolizei Dachau, zum zweiten Mal theatral einen "Un-Ort" und machte ihn erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. DACHAU // PROZESSE (UA Mai 2014) basiert auf den Protokollen der historischen Dachauer Prozesse von 1945-1948, in denen Konzentrationslagerverbrecher vor einem amerikanischen Militärgericht angeklagt wurden. Im Mittelpunkt dieser Inszenierung steht das Leben "Zaun an Zaun" - SS-Siedlung neben KZ. 

2013 In der Erlöserkirche München-Schwabing beschäftigte sich die Regisseurin in WAS WIR LIEBTEN (UA November 2013), einem vielbeachteten Theaterexperiment mit alten Menschen, mit der Frage nach der Bedeutung von Jugend und Jugendlichkeit in unserer Gesellschaft, reflektiert durch sehr alte Menschen. Was wurde geliebt? Welche Liebe bleibt? Gibt es eine Schönheit im Altern? Was geschieht, wenn Bewegungen fast nur noch im Kopf ausgeführt werden? Wenn Gefühle im Erinnern und Beschreiben entstehen? An zentraler Stelle in der Stadt entstand an einem symbolisch aufgeladenen Ort eine Plattform für diese Menschen, die seit so langer Zeit die Welt in der wir leben, beobachten, analysieren und über sie staunen. 


2012 erhielt Karen Breece für ihre Inszenierung des KZ-Häftlingsstücks DIE BLUTNACHT AUF DEM SCHRECKENSTEIN (UA Juli 2012) von Rudolf Kalmar in der ehemaligen MD-Papierfabrik Dachau bayernweite Medienresonanz. Erzählt wird von Haltung, Mut und Widerstand der Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau. Erzählt wird von der Kraft der Kunst und des Geistes, die selbst unter den Bedingungen des Terrors nicht erstickt werden konnten. In den realen ‚Blutnächten’ von Dachau hat die SS auf grausame Weise unzählige Häftlinge getötet, den Geist der Häftlinge konnte sie jedoch nicht töten. Die Inszenierung hatte zum Ziel, die Geschichte der "Blutnacht", die 1943 im KZ Dachau unter den Bedingungen des Terrors entstanden war, bewusst von Menschen erzählen zu lassen, die heute in Dachau leben - der Versuch einer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Stadt.


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